Hessisches Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Medizin, Forschung & Gewerbe

1_gsi_sis_aussen_1.jpg

Schwerionensynchrotron SIS – Außenansicht
© A. Zschau, GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung

In Hessen gibt es außerhalb der Kernanlagen etwa 1.400 gültige strahlenschutzrechtliche Genehmigungen bei etwa 700 Genehmigungsinhabern. Dies sind in der Hauptsache Genehmigungen zum Umgang mit offenen und umschlossenen radioaktiven Stoffen, für den Betrieb von Anlagen zur Erzeugung ionisierender Strahlen (Beschleuniger), für Tätigkeiten strahlenexponierter Personen in fremden Anlagen und für die Beförderung radioaktiver Stoffe.

Die strahlenschutzrechtlichen Anforderungen für die sehr unterschiedlichen Anwendungsbereiche ergeben sich aus den gesetzlichen Vorschriften (Atomgesetz und Strahlenschutzverordnung) sowie aus speziellen Richtlinien (z.B. Richtlinie Strahlenschutz in der Medizin), Empfehlungen der Strahlenschutzkommission und technischen Normen. Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden sind in der Regel die Umweltabteilungen der Regierungspräsidien.

Medizin

In der Medizin werden umschlossene und offene radioaktive Stoffe in der nuklearmedizinischen Diagnostik und zur Therapie eingesetzt (in Kliniken und nuklearmedizinischen Praxen). Für die Tumortherapie werden auch Anlagen zur Erzeugung ionisierender Strahlen (Beschleuniger) verwendet.

Die nuklearmedizinische Diagnostik basiert auf der Darstellung von Organfunktionen in Form von Bildern (Szintigraphie) oder Kurven. Dazu wird den Patienten eine geringe Menge geeigneter, meist kurzlebiger radioaktiver Pharmazeutika (Radiopharmaka) verabreicht. Das am häufigsten verwendete Radionuklid ist Technetium-99m. Man verwendet es beispielsweise für die Diagnostik der Knochen, der Niere, der Lunge oder der Leber.

In der Therapie verwendet man offene radioaktive Stoffe wie z. B. Jod-131 für die stationäre Therapie von Schilddrüsenkarzinomen oder Rhenium-186 und Yttrium-90 zur ambulanten Therapie bei chronischen Gelenkentzündungen (Radiosynoviorthese) und z. B. Sm-153 für die Behandlung von Knochenmetastasen. Häufig verwendet man auch umschlossene radioaktive Stoffe und bringt diese in die Nähe der zu behandelnden Gewebe (Brachytherapie). Hier unterscheidet man zum einen die Oberflächenkontaktherapie, bei der man einen umschlossenen Gamma- oder Betastrahler sehr nahe an die zu behandelnde Körperoberfläche bringt, der intrakavitären Therapie, bei der man die radioaktiven Präparate in natürliche Körperhohlräume einbringt und der interstitiellen Therapie, bei der man radioaktive Nadeln, Seeds oder Drähte direkt in das zu behandelnde Gewebe appliziert. Die hier verwendeten Radionuklide sind meist entweder reine Betastrahler wie z. B. Sr-90 / Y-90 für die Oberflächenkontaktbestrahlung oder kombinierte Beta-Gamma-Strahler wie z. B. Ir-192 für die interstitielle oder intrakavitäre Therapie.

Ärztliche Stelle für Qualitätssicherung in der Radiologie, Nuklearmedizin und Strahlentherapie Hessen

Die medizinische Anwendung ionisierender Strahlung und radioaktiver Stoffe hat in der Bundesrepublik Deutschland einen hohen diagnostischen und therapeutischen Standard erreicht. Kehrseite der Medaille ist die Tatsache, dass die medizinische Anwendung auch heute noch mit über 99 Prozent den Löwenanteil der zivilisatorischen Strahlenexposition liefert. Dieser Beitrag ist zudem durch neue bildgebende Verfahren in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen.

Mit Inkrafttreten der neuen Strahlenschutzverordnung im Jahr 2001 und der neuen Röntgenverordnung im Jahr 2002 wurden deshalb zur Optimierung des Strahlenschutzes von Patienten sogenannten „Ärztliche Stellen“ eingeführt, deren Aufgabe die Überprüfung des gesamten Bereichs der Qualitätssicherung in der medizinischen Strahlenanwendung umfasst.

Das Hessische Umweltministerium hat gemäß § 83 der Strahlenschutzverordnung eine Ärztliche Stelle für die Qualitätssicherung bei der medizinischen Anwendung radioaktiver Stoffe am Menschen und für die Anwendung ionisierender Strahlen am Menschen bestimmt.

Diese Aufgabe wurde nach einem Ausschreibungsverfahren, zuletzt im Januar 2014, der TÜV Süd Life Service GmbH in Frankfurt vertraglich übertragen. Die Ärztliche Stelle nimmt im Auftrag des Hessischen Sozialministeriums auch die Aufgabe der Ärztlichen Stelle nach der Röntgenverordnung wahr.

Die Ärztliche Stelle nach Strahlenschutzverordnung führt im staatlichen Auftrag regelmäßige Prüfungen bei Nuklearmedizinern und Strahlentherapeuten durch gemäß der vom Bundesministerium für Umwelt veröffentlichten Richtlinie „Ärztliche und zahnärztliche Stellen“. Mit diesen Prüfungen wird sichergestellt, dass bei der Anwendung radioaktiver Stoffe oder ionisierender Strahlung am Menschen die Erfordernisse der medizinischen Wissenschaft beachtet werden und die angewendeten Verfahren und eingesetzten Anlagen zur Erzeugung ionisierender Strahlen, Bestrahlungsvorrichtungen, sonstige Geräte oder Ausrüstungen den jeweiligen notwendigen Qualitätsstandards entsprechen. In der Nuklearmedizin wird zum Beispiel geprüft, ob die dem Patienten verabreichte Radioaktivität nationalen Richtwerten  – den so genannten „diagnostischen Referenzwerten“ –  entspricht. Davon darf nur im medizinisch begründeten Ausnahmefall abgewichen werden. Das Ziel der Prüfungen ist es, dem anwendenden Arzt gegebenenfalls Empfehlungen zur Optimierung der medizinischen Strahlenanwendung zu geben, um die Strahlenexposition des Patienten so gering wie möglich zu halten. Darüber hinaus prüft die Ärztliche Stelle, ob und wie weit die Vorschläge umgesetzt wurden, um eine Qualitätssicherung auf hohem Niveau zu gewährleisten. Hierzu kann auch eine Überprüfung und Beratung in der betreffenden Institution durchgeführt werden. Die Ärztliche Stelle hat die zuständige atomrechtliche Aufsichtsbehörde (Regierungspräsidien) zu benachrichtigen, falls die Umsetzung der Vorschläge nicht erfolgt. Die Ärztliche Stelle unterliegt auch der ärztlichen Schweigepflicht. Das Hessische Umweltministerium übt die Fachaufsicht über die Ärztliche Stelle nach Strahlenschutzverordnung aus.

Die Arbeit der Ärztlichen Stelle wird in jährlichen Berichten dokumentiert.

Gewerbe und Industrie

In Gewerbe und Industrie werden hauptsächlich umschlossene radioaktive Stoffe verwendet. Beim ortsfesten Einsatz werden solche radioaktiven Quellen z. B. verwendet für Füllstands-, Dichte-, Feuchte- und Dickenmessungen mit Radionukliden wie Cäsium-137, Americium-241 und Krypton-85 oder in Gaschromatographen mit Elektroneneinfangdetektoren und dem Radionuklid Nickel-63. Ortsveränderliche Anwendungen finden sich überwiegend in der zerstörungsfreien Materialprüfung, bspw. bei Durchstrahlungsprüfungen von Schweißnähten oder dicken Betonstrukturen (sog. Gamma- Radiographie), wo Radionuklide wie Iridium-192 und Selen-75 verwendet werden.

Forschung

Die Anwendung von radioaktiven Stoffen oder Beschleunigern in der Forschung erfolgt meist in Universitäten und Universitätskliniken. Eine besondere Bedeutung hat der Forschungsstandort Darmstadt durch das dort ansässige GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung. Forscherinnen und Forscher aus aller Welt nutzen diese große, weltweit einmalige Beschleunigeranlage für Ionen für Experimente, um neue Erkenntnisse über den Aufbau der Materie und die Entwicklung des Universums zu gewinnen. Darüber hinaus entwickeln sie neuartige Anwendungen in Medizin und Technik. In den nächsten Jahren wird bei GSI das neue internationale Beschleunigerzentrum FAIR entstehen, eines der größten Forschungsvorhaben weltweit. FAIR ist eine neue und einzigartige internationale Beschleuniger-Anlage zur Forschung mit Antiprotonen und Ionen. Der geplante Ausbau dieses Forschungsstandortes wird durch das Land Hessen maßgeblich unterstützt. Weiter Informationen finden sich unter GSI & FAIR.

Transporte radioaktiver Stoffe

Alle oben genannten Tätigkeiten sind auch mit Beförderungsvorgängen verbunden, die per Luft, Eisenbahn, Straße oder Schiff stattfinden können. Neben den atomrechtlichen Bestimmungen sind dabei unabhängig die Regelungen des Gefahrgutrechts einzuhalten.